Chronik – Aktuelles

 

Die Informationen auf dieser Seite gehen über mein 2004 erschienenes Buch „Die Namen der Nummern“ (deutsche Taschenbuch-Ausgabe 2007) hinaus. Hier wird fortlaufend aktualisiert, was sich seit der Buchveröffentlichung rund um dieses Thema ereignet hat und welche zusätzlichen Einzelheiten ich seither recherchiert habe. Das Aktuellste steht gleich am Anfang. Ganz am Ende geht es auch um die Motivation und die Vorrecherchen zu diesem Projekt.

 

2017

 

11. Mai

 

Für seine Arbeiten insbesondere zu seinem Buch "Die Namen der Nummern", aber auch zu "Die Frauen von Block 10. Medizinische Experimente in Auschwitz" erhält Hans-Joachim Lang den Forschungspreis "Champions Award 2017" des Center for Medicine after the Holocaust (CMATH). Sie wird im Rahmen des Second International Scholars Workshop “Medicine in the Holocaust and Beyond” verliehen. 140 Wissenschaftler/innen aus 17 Ländern nehmen an der viertägigen Tagung teil, die am Western Gallilee College stattfindet.

 

27. April

 

Ein Vortrag im Deutsch-Französischen Gymnasium in Freiburg steht am Beginn eines engagierten Übersetzungsprojekts . Schülerinnen und Schüler übersetzen biographische Texte dieser Website über die 86 "Ahnenerbe"-Opfer ins Französische. Angeleitet werden sie von ihren Lehrern Magali und Frank Hack.

 

2016

 

11. März
 

Die französische Tageszeitung "Le Monde" weist auf den Film "Le nom des 86" hin und geht auf die zugrundeliegenden Recherchen ein.

LeMonde

 

 

März
 

Die tschechische Übersetzung von "Die Namen der Nummern. Wie es gelang die 86 Opfer eines NS-Verbrechens zu identifizieren" erscheint unter dem Titel "Jména čísel - Jak se podařilo identifikovat 86 obětí jednoho nacistického zločinu"

 

 

24. Februar
 

Nach langen Planungen, intensiven Vorbereitungen, mit professioneller graphischer und technischer Hilfe und dank finanzieller Unterstützung durch die Reemtsma-Stiftung geht der erste Bauabschnitt der neuen Website online.

 

Vortrag in Tübingen (Leibniz-Kolleg).

 

2015

 

6. September
 

Jewish Cemetery 01
Jüdischer Friedhof in Strasbourg, Bild: Lang
 

Die im Institut für Rechtsmedizin der Universität Straßburg gefundenen forensischen Proben, die Menachem Taffel zuzuordnen sind, wurden – ohne damit die lebhaften Diskussionen in den vergangenen Wochen zu beenden – am späten Vormittag auf dem Jüdischen Friedhof in Strasbourg nach einer Trauerfeier beigesetzt. Mehrere hundert Personen haben teilgenommen, darunter der Oberbürgermeister von Strasbourg und der Präsident der Universität.

 

9. Juli

 

Aufsehen ererregende Entdeckung. Raphael Toledano prüft zusammen mit dem Leiter des Instituts für Rechtsmedizin (Institut de Médecine Légale) an der Universität Straßburg, Prof. Jean-Sébastien Raul, historische forensische Proben in einem abgeschlossenen Raum des Instituts und macht einen Fund, über den weltweit in den Medien berichtet wird. Es handelt sich um drei kleine Glasgefäße, in denen winzige Speisereste aus einem menschlichen Magen und fünf Hautstückchen aufbewahrt wurden, die Menachem Taffel zugeordnet werden können, einem der 86 „Ahnenerbe“-Opfer. Diese Proben stammen von den Autopsien, die von französischen Gerichtsmedizinern nach der Entdeckung der Leichen vorgenommen wurden. Einer von ihnen, Prof. Camille Simonin, hatte sie in seinem Institut behalten und 1952 einem französischen Militärgericht als Beweismittel angeboten. Danach waren sie offenbar in Vergessenheit geraten, bis Toledano 2013 in einem französischen Archiv das Schreiben Simonins entdeckte. Rauls Vorgänger hatte die Überprüfung verweigert, die nun zu dem sensationellen Fund führte.  Toledano sagte konsterniert: „Was Simonin von Hirts Opfern aufbewahrt hat, ist genau dort gelandet, wo Hirt sie in seinem Rassenwahn haben wollte: im Museum."

 

21. Mai

 

Besuch am Grab. Debbie Konkol, Joanne Weinberg und Chris Halverson besuchen mit ihren Ehemännern das Grab ihrer Großmutter. Am Grabstein legen sie Steine nieder, die sie aus den USA mitgebracht haben: Drei Steine in ihrem eigenen Namen, zwei weitere für ihre Geschwister Betsy Kelnhofer und John Simon, sowie für die beiden anderen Enkel von Alice Simon, nämlich Peter Andersen und Kris Andersen.

 

Gedenken01

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20. Mai
 

Hohentuebingen

Gesprächsrunde im Rittersaal von Schloss Hohentübingen in Tübingen. Von links nach rechts: Chris Halverson, Joanne Weinberg, Ulrike Pfeil, Debbie Konkol, Hans-Joachim Lang.

 

„Den Holocaust erinnern“ ist eine Gesprächsrunde im Rittersaal von Schloss Hohentübingen überschrieben, die von der Journalistin Ulrike Pfeil moderiert wird. Drei aus den USA angereiste Enkelinnen von Alice Simon (eines der 86 „Ahnenerbe“-Mordopfer) sprechen mit Hans-Joachim Lang darüber,  wie gegenwärtig in ihren Familien der Holocaust geblieben ist. Die Enkelinnen sind Chris Halverson, Joanne Weinberg und Debbie Konkol. Veranstalter ist das Museum der Universität Tübingen (MUT).

 

29. April

 

Kino Museum in Tübingen, Deutsche Erstaufführung des Dokumentarfilms „Le nom des 86“ mit deutschen Untertiteln, Anwesenheit der beiden Filmemacher.

 

27. April

 

Staatsbesuch. Auf dem Gelände des früheren Konzentrationslager Natzweiler-Struthof hat Frankreichs Staatspräsident François Hollande (Mitte) mit führenden Europapolitikern der NS-Opfer gedacht. Zuvor enthüllten sie neben der ehemaligen Gaskammer zwei Gedenksteine. Der rechte davon nennt die 86 Namen der hier ermordeten Jüdinnen und Juden. An der Zeremonie beteiligten sich auch (rechts neben Hollande):  EU-Ratspräsident Donald Tusk, die lettische Regierungschefin Laimdota Straujuma (ihr Land hat zu diesem Zeitpunkt den EU-Ratsvorsitz inne), der Präsident des EU-Parlaments, Martin Schulz und der Generalsekretär des Europarates, Thorbjørn Jagland.

 


 
GedenkfeierEnthüllung der Gedenksteine neben der Gaskammer des KZ Natzweiler-Struthof, Bild: Lang

 

23. April

 

Eröffnung der Ausstellung „In Fleischhackers Händen“ im Schloss Hohentübingen (bis 28. Juni). Hans Fleischhacker war einer der beiden Anthropologen, die im Auftrag der SS-Wissenschaftsorganisation „Ahnenerbe“ im Juni 1943 in Auschwitz unter den Häftlingen Jüdinnen und Juden für eine Skelettsammlung selektierten, die an der Reichsuniversität Straßburg entstehen sollte.  Fleischhacker hatte am 8. Juni an der Medizinischen Fakultät der Universität Tübingen noch seine Probevorlesung gehalten und damit die Habilitationsprüfung erfolgreich abgeschlossen. Am Tag darauf reiste er nach Auschwitz.

 

Aufsatz: Fleischhackers (un)vergessene Opfer. In: Jens Kolata u.a. (Hg.): In Fleischhackers Händen. Wissenschaft, Politik und das 20. Jahrhundert. Ausstellungskatalog. Tübingen 2015, S. 185-199.

 

Vorträge in Berlin (Inselgalerie), Konstanz (Volkshochschule), Wangen/Höri (Freundeskreis Jacob Picard), Tübingen (Universität: Studium Generale; Internationale Programme; Carlo-Schmid-Gymnasium) .

 

2014

 

1. Dezember


 
CinemaCinéma L’Odysée am 1. Dezember 2014, Bild: Truong-Ngoc

 

Cinéma L'Odyssée in Strasbourg, Premiere des Dokumentarfilms „Le nom des 86“ der beiden französischen Filmemacher Dr. Raphael Toledano und Emmanuel Heyd.

 

Vorträge in Flensburg (Volkshochschule), Göppingen (Jüdisches Museum), Dudenhofen/Pfalz (Bürgerhaus), Prag (Heinrich-Böll-Stiftung), Thessaloniki (Goethe-Institut), Ofterdingen (Bücherei), Tübingen (Universität: Internationale Programme), Tailfingen (KZ-Gedenkstätte).

 

2013

 

Aufsatz in den „Annals of Anatomy“, 195 (2013) 373-380. Titel: August Hirt and “extraordinary opportunities for cadaver delivery” to anatomical institutes in National Socialism: A murderous change in paradigm.

 

Vorträge in Groß Gerau (Volkshochschule + Arbeit und Leben), Köln (Ärztekongress), Aachen (Institut für Geschichte, Theorie und Ethik der Medizin).

 

2012

 

Vorträge in Berlin (Konrad-Adenauer-Stiftung), Hannover (Anatomisches Institut), Tübingen (Ludwig-Uhland-Institut).

 

2011

 

Oktober

 

Erstveröffentlichung von „Die Frauen in Block 10. Medizinische Versuche in Auschwitz.“ Hoffmann und Campe, Hamburg. Das Buch ist eine Fortschreibung von „Die Namen der Nummern“. Denn alle 29 Frauen, die im KZ Natzweiler im Auftrag des „Ahnenerbe“ ermordet wurden, haben die Anthropologen Bruno Beger und Hans Fleischhacker in Block 10 ausgewählt. Darum wurde in diesem Buch vertieft, was es mit diesem Block auf sich hatte.

 

Vorträge und Lesungen: Berlin (Stiftung Denkmal für die ermordeten Juden Europas), München (Anatomisches Institut der Universität), Tübingen (Osiandersche Buchhandlung).

 

2010

 

Spiegel online: „Die Spur der Skelette“  
http://www.spiegel.de/einestages/ns-verbrechen-a-950002.html

 

Vortrag in Würzburg (Anatomisches Institut der Universität).

 

2008

 

18. Oktober

 

Die Medizinische Fakultät der Tübinger Universität verleiht die Leonhart-Fuchs-Medaille für „Verdienste um die Aufarbeitung des Nationalsozialismus, für die Geschichtsschreibung aus der Perspektive der Opfer und insbesondere für das Buch ‚Die Namen der Nummern‘“.

 

2007

 

April

 

„Die Namen der Nummern” erscheint als Taschenbuchausgabe in der Schwarzen Reihe des Fischer-Verlags, Frankfurt/Main.

 

Mai

 

Die polnische Übersetzung von "Die Namen der Nummern" erscheint im Verlag Wołoszański, Warschau, unter dem Titel: „Nazwiska numerów”.

 

Lesungen und Vorträge in Isney (Refektorium im Schloss), Thessaloniki (Goethe-Institut, gemeinsam mit der Jüdischen Gemeinde), Berlin (Leibniz-Gymnasium), Łódź (Muzeum Kinematografii).

 

2006

 

Lesungen und Vorträge in Karlsruhe (Ständehaussaal), Osthofen (KZ-Gedenkstätte), Heidelberg (Dokumentations- und Kulturzentrum Deutscher Sintu und Roma), Stuttgart (Mädchen-Gymnasium St. Agnes), Paris (Mémorial de la Shoah), Krakau (Zentrum für Jüdische Kultur), Auschwitz (Jugendbegegnungsstätte), Sindelfingen (Gymnasium in den Pfarrwiesen).

 

2005

 

Juli
 
Lang 02Hans-Joachim Lang vor der Gedenktafel unmittelbar neben der Gaskammer, Bild: Truong-Ngoc

 

Vor der der Gaskammer des ehemaligen KZ Natzweiler-Struthof wird eine Gedenktafel mit den  Namen der 86 Opfer angebracht.

 

11. Dezember

 

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Grabstein auf dem Jüdischen Friedhof in Strasbourg mit den 86 Namen. Bild: Lang

 

Auf dem Jüdischen Friedhof in Straßburg befindet sich ein Massengrab, auf dem die 86 „Ahnenerbe“-Opfer in einem Massengrab beigesetzt sind. Hier stand bislang ein Grabstein, in dem nur allgemein an das Verbrechen erinnert wurde. In einer feierlichen Zeremonie wird am späten Vormittag ein Grabstein enthüllt, auf dem alle 86 Namen eingraviert sind. Zahlreiche Verwandte aus Belgien, Deutschland, Frankreich, Großbritannien, Israel und Österreich sind gekommen, aus Griechenland auch ein Repräsentant der Jüdischen Gemeinde von Thessaloniki. Zugegen sind auch der Präsident des Dachverbands der jüdischen Organisationen Frankreichs sowie führende französische Regional- und Kommunalpolitiker.

 

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Zeremonie auf dem Jüdischen Friedhof in Strasbourg. Bild: Lang

 

Zuvor wird am Eingang des alten Anatomischen Instituts der Universität Strasbourg eine Gedenktafel enthüllt, die an das Verbrechen des Prof. August Hirt und seiner Helfer erinnert.

 

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Vor der Enthüllung der Gedenktafel: Hans-Joachim Lang (links mit Hut) im Gespräch mit Beate Klarsfeld und Jean Kahn. Bild: Jechiel Porat

 

 

Rezensionen: Prof. Dr. Dr. Urban Wiesing zählt die Morde an den 86 jüdischen Frauen und Männer zu den “schrecklichsten Verbrechen nationalsozialistischer Ärzte”. Wiesing ist Professor für Medizin-Ethik an der Universität Tübingen. In der „Zeitschrift für medizinische Ethik” (61. Jahrgang, Ausgabe 3/2005) schrieb er über „Die Namen der Nummern“ unter anderem:


„Dieses Buch ist außergewöhnlich. Es berichtet von einem der schrecklichsten Verbrechen nationalsozialistischer Ärzte. August Hirt, Anatomieprofessor an der Reichsuniversität Straßburg, wollte für künftige „judenfreie“ Zeiten zur wissenschaftlichen Dokumentation eine jüdische Skelettsammlung anlegen. (…)

 

Der Autor ist Journalist in Tübingen. In jahrelangen, umfangreichen Recherchen ist es ihm gelungen, den Opfern die Namenlosigkeit zu nehmen. Das Buch berichtet von der akribischen, zuweilen detektivischen Spurensuche, von den glücklichen Zufällen der Überlieferung, von Unterstützung, von Rückschlägen und Schwierigkeiten, von den entscheidenden Funden. Es beschreibt Menschen, ihre Geschichten, ihr Leben mit ihren Familien, mit all den Freuden, Leiden und Unwägbarkeiten. Es berichtet von ihrer Deportation nach Auschwitz, ihrer „Vermessung“, ihrer weiteren Verschleppung ins KZ Natzweiler-Struthof und ihrer Ermordung. Allen Lebensläufen ist eines gemein: Sie enden nach weiten Wegen durch Europa als leblose Körper in der Straßburger Anatomie, weil Ärzte und Anthropologen aus pseudowissenschaftlichem, von Rassenwahn entstelltem Interesse eine Sammlung jüdischer Skelette anlegen wollten, der Nachwelt zur Dokumentation. Das Buch gibt Einblick in den Organisationsablauf und die Bürokratie einer Medizin, die sich in ihrer vermeintlichen Wissenschaftlichkeit zu perfidem Mord befugt glaubt. Es vermittelt dem Leser das Selbstverständnis von Ärzten, die an ihrem Tun nicht zweifelten – auch nicht nach dem Kriege.

 

Hans-Joachim Lang hat gründlich recherchiert, sein Urteil ist wohlbegründet. Doch das Buch ist mehr als eine Abhandlung über eine moralische Katastrophe der Medizin. Es berichtet nicht nur über ein Verbrechen, sondern schreibt die Geschichte in besonderer Weise ein Stück weiter: Es gibt dem Opfern ihre Namen wieder. Der Autor wurde mit dem Preis der Brüsseler Fondation Auschwitz 2003/2004 ausgezeichnet.“


Imanuel Geiss, zuletzt Professor für Neuere Geschichte in Bremen, im Jahrbuch Extremismus & Demokratie (17. Jahrgang 2005): „(…) In einer makabren Puzzle-Anstrengung fügte der gelernte Germanist und Journalist unzählige über den Globus verstreute Einzelteile zu dem Bild zusammen, das er in seinem Buch entwirft. Sein Material fand er mit detektivischem Spürsinn auf einer Schnitzeljagd des Todes in Archiven, durch Befragung von Angehörigen der Opfer, die er scharfsinnig ausfindig machte, zuletzt auch aus dem Internet. Allein schon die Beschreibung dieses Findungsprozesses lohnt die Lektüre des Buches. (…)

 

Schritt für Schritt machte Lang aus toten Nummern wieder Namen, teilweise mit Gesichtern (Photos) und Kenntnis ihres vergangenen individuellen Lebens. (…) Das Buch verschiebt das bisherige Hauptaugenmerk von den Tätern auf die nun nicht mehr anonymen Opfer. Nach der eigentlichen Darstellung, in die schon das Leben einiger Opfer anschaulich eingeflochten ist, bringt das Buch Kurzbiographien aller Opfer, in alphabetischer Reihenfolge, soweit Lebensdaten zu ermitteln waren (…). Lebens- und Todeswege der 86 summieren sich zu einem bewegenden Stück europäischer Geschichte, vor allem natürlich der europäischen Judenheit.“

 

Lesungen und Vorträge in Heidelberg (Reichspräsident-Friedrich-Ebert-Gedenkstätte), Berlin (Frida-Leider-Zentrum), Tübingen (Edith-Stein-Karmel), Strasbourg (Universität), Freiburg (Buchhandlung Jos Fritz).

 

2004

 

August

 

Erstveröffentlichung von „Die Namen der Nummern. Wie es gelang, die 86 Opfer eines NS-Verbrechens zu identifizieren“ im Verlag Hoffmann und Campe, Hamburg.

 

Juni

 

Das noch unveröffentlichte Buch-Manuskript „Die Namen der Nummern” wird im Rathaus von Brüssel mit dem Preis der Fondation Auschwitz (Brüssel) ausgezeichnet.

 

Interview mit dem Autor am 14. Dezember in „die tageszeitung“.

 

(…) taz: Was trieb Sie all die Zeit an –  es waren immerhin ja gut fünf Jahre?

 

Lang: Es war die Frage: Was können das für Leute gewesen sein, die dort umgebracht wurden? Wo kamen sie her? Zunächst dachte ich noch, ich könnte die Namen schnell in einem Archiv finden, aber in den Akten war kein einziger Hinweis darauf. Als mir ein Auschwitz-Überlebender schließlich sagte, dass man sie wahrscheinlich nicht mehr herausfinden könne, wollte ich unbedingt weiterforschen.

 

taz: Weshalb war es Ihnen so wichtig? Weil es nicht sein kann oder darf, dass die Opfer anonym bleiben?

 

Lang: Sein kann, ja. Angesichts von sechs Millionen ermordeten Juden kann man sich irgendwie mit Anonymität abfinden, die Zahl ist so gewaltig groß. Aber bei diesem Verbrechen schien die Zahl - 86 - überschaubar, zumal ich die Abläufe ja schon einigermaßen rekonstruiert hatte. Als ich dann auf die Zeugenaussage des Henry Henrypierre stieß, der sich damals die Nummern der Opfer notiert hatte, ließ mich dies nicht mehr ruhen. Diese Notizen müssen doch irgendwo sein, dachte ich, undenkbar, dass sie weggeworfen wurden! Das Original habe ich trotzdem nicht gefunden, aber die Kopie einer Abschrift - nach zwei Jahren Recherche. Dieser Moment war eigentlich das erste große Erlebnis. Vollends beflügelt hat mich, als ich sehr viel später dann zum ersten Mal Angehörige getroffen habe. Da wollte ich es unbedingt zu Ende bringen.

 

taz: Wundert es Sie manchmal noch, dass Sie es tatsächlich zu Ende brachten?

 

Lang: Eigentlich schon. Ja. Es ist schon fast so, dass man sich sagt: Das hat jetzt sein müssen.

 

taz: Inwiefern? Höhere Macht?

 

Lang: Da kommen ganz verschiedene Sachen zusammen. Es ist –  auch wenn es etwas pathetisch klingt – ein Akt der Humanität. Ich hatte von einem gewissen Zeitpunkt an die Vorstellung: Wenn ich es nicht mache, macht es niemand mehr. (…)

 

Das komplette Interview hier: http://www.taz.de/1/archiv/?dig=2004/12/18/a0349

 

Rezensionen

 

- Khosrow Nosratian am 6. Dezember im Deutschlandfunk: „(…) Das überaus lesenswerte Buch verdeutlicht das engmaschige Netz aus Gelehrtenstube und Gestapozentrale, aus dem das Räderwerk des Holocaust entwickelt wurde. Und doch gelingt es dem zeitgeschichtlich versierten Autor stets, im Gegenzug zum gruseligen "Ahnenerbe" seine eigene forschungspolitische Absicht überzeugend zum Ausdruck zu bringen – die Ermordeten in lebendiger Erinnerung zu halte.“

 

- Bernd Hesslein am 14. Oktober in „Die Zeit“: „(…) Erwähnung erfährt das Verbrechen an den 29 Frauen und 57 Männern bereits in der 1947 erschienenen Dokumentation ,Das Diktat der Menschenverachtung‘  von Alexander Mitscherlich und Fred Mielke. Sie hatten 1946 als Beobachter an dem Ärzteprozess des amerikanischen Militärgerichts in Nürnberg teilgenommen und waren als offizielle Berichterstatter der Westdeutschen Ärztekammern bemüht, ihren "Bericht vorzutragen, ohne die Stimme zu erheben". Es wäre ihnen vermutlich auch nicht gestattet worden. Für den Autor Hans-Joachim Lang, den Kenner vieler Vertuschungen von NS-Verbrechen, ist diese Zurückhaltung nicht erträglich. (…) Es wird ein mühsames Unterfangen, oftmals an der Schwelle des Scheiterns. (…) Am Ende jedoch, nach fünf Jahren Reisen und mühseligen Recherchen, passen Nummern und Namen der Ermordeten zusammen. Das grausige Puzzle ist vollendet, die Lücke der Namenlosigkeit, wie Hans-Joachim Lang es nennt, geschlossen. Darüber hinaus liefert der Autor mit seiner Arbeit einen tiefenscharfen Einblick in die Perversion des "Denkens", das die Mediziner unter dem Totenkopf beherrschte.“

 

- Anselm Doering-Manteuffel, Professor für Zeitgeschichte, am .. im „Schwäbischen Tagblatt“: “Inhaltsleere Gedenkrituale sind ihm zutiefst suspekt.“ Was Hans-Joachim Lang vor einigen Jahren im TAGBLATT über Salomon Korn schrieb, gilt ebenso für ihn selbst. Ohne je in einen pauschal anklagenden, bloß moralisierenden Ton zu verfallen, schreibt er kontinuierlich über die Leidensgeschichte der Juden im nationalsozialistischen Deutschland. (…) Lang recherchiert gründlich und präsentiert detailgenaue Ergebnisse. (…)


Es geht ihm darum, den Opfern der Judenverfolgung ihre persönliche Ehre wenigstens vor der Geschichte zuteil werden zu lassen, die ihnen nach 1933 als erstes genommen wurde, bevor das Regime sie in die Emigration, den Selbstmord oder die Massenvernichtung trieb. Geschichte konkretisiere sich durch Namen und Orte, sagt er einleitend in seinem jüngsten Buch „Die Namen der Nummern“. Human werde sie jedoch erst, wenn sie sich nicht auf Tatorte und Täter beschränkt. Wer die Opfer ausblendet, mache sich indirekt zum Mitvollstrecker, denn vollendet werde die Vernichtung erst durch das Vergessen.

 

In jahrelanger detektivischer Arbeit ist es Lang gelungen, die Namen ausfindig zu machen, Angehörige aufzuspüren, sie über das Schicksal der Toten zu informieren und sich zugleich ein Bild von den Ermordeten zu machen. Seine Recherchen führten ihn quer durch Europa und schließlich nach Jerusalem und Washington. Angehörige fand er in Argentinien, in vielen europäischen Ländern, in Israel und den USA. (…)  „Die Täter sollen nicht das letzte Wort gehabt haben“, schreibt er am Ende. Darum sei es erforderlich, sich der Ermordeten zu erinnern, ihre Namen zu suchen, sie im Gedächtnis zu bewahren und so einen Teil der deutschen und europäischen Vergangenheit wiederzufinden. Ein bewegendes Buch.

 

- Hans -Joachim Lang am 19. August in „Die Zeit“: Skelette für Straßburg.

Ausführlich: http://www.zeit.de/2004/35/A-Strassburg

 

Lesungen in Brüssel (Fondation Auschwitz), Tübingen (Buchhandlung Gastl), Frankfurt (Fritz-Bauer-Institut).

 

2003

 

21. September

 

Vortrag in Strasbourg bei einem Kolloquium des Cercle Taffel über den Stand der Recherchen. Am Ende des Vortrags erstmalige öffentliche Verlesung der Namen der 86 jüdischen Frauen und Männer, die Opfer des „Ahnenerbe“-Verbrechens wurden. In ehrendem Gedenken erheben sich die Zuhörerinnen und Zuhörer von ihren Plätzen.

 

1999 – 2003

 

Besuch weiterer Archive, unter anderem in Oświęcim (Archiv der Gedenkstätte Auschwitz-Birkenau) und Jerusalem (Archiv der Gedenkstätte Yad Vashem), umfangreiche Korrespondenz mit lokalen Archiven und Behörden in Belgien, Deutschland, Frankreich, Griechenland, Niederlande, Österreich und Polen sowie Beginn der Korrespondenz und Begegnungen mit Familienangehörigen der 86 „Ahnenerbe“-Opfer.

 

1999

 

Nach langer Suche gelingt am 4. März der erste wichtige Schritt auf der Suche nach den Identitäten der 86 „Ahnenerbe“-Opfer: Entdeckung einer Kopie des gesuchten Dokuments, auf dem die 86 KZ-Nummern notiert sind, im United States Holocaust Museum in Washington. Es ist eine Abschrift der französischen Militärpolizei von der Liste, die Henry Henripierre für die Zeit nach der Befreiung Straßburgs gerettet hat. Mit dieser Nummern-Liste lassen sich dank überlieferter Dokumente des KZ Auschwitz zunächst die Orte ermitteln, woher die 86 Männer und Frauen nach Auschwitz deportiert wurden: Oslo (N), Oranczyce (PL), Berlin (D), Thessaloniki (GR), Trier (D), Drancy (F), Mechelen (B), Westerbork (NL).  Im nächsten Schritt und mit Hilfe eines Dokuments der Gedenkstätte Auschwitz-Birkenau werden aus den Nummern Namen.  Aber noch keine Biografien.

 

1998

 

Beginn der intensivierten Suche nach den Namen der 86 „Ahnenerbe“-Opfer. Erster Anhaltspunkt ist ein Brief, den „Ahnenerbe“-Geschäftsführer Wolfram Sievers  am 21. Juni 1943 an Adolf Eichmann schickte. Unter dem Betreff „Aufbau einer Sammlung von Skeletten“ teilte er mit, dass die anthropologischen Arbeiten abgeschlossen seien und die in Frage kommenden Häftlinge nach Männern und Frauen getrennt „in je einem Krankenbau des KL Auschwitz untergebracht“ seien. Weiter heißt es: „Ein namentliches Verzeichnis der ausgesuchten Personen ist beigefügt.“
Die Suche nach dieser Liste, unter anderem auch in den National Archives in Washington, blieb ergebnislos. Laut Vermerk auf dem Schreiben war der Brief fünf Mal ausgefertigt worden. Die im Nürnberger Ärzteprozess vorgelegte und jetzt der Forschung zugängliche Fassung ist eine nachrichtlich ohne Anlage an Rudolf Brandt (Persönlicher Referent von SS-Führer Heinrich Himmler) geschickte Durchschrift. Die Überlieferung aus Eichmanns Referat im Reichssicherheitshauptamt fehlt völlig.  

 

Von nun an konzentrierte sich die weitere Suche auf eine Aussage von Henry Henripierre vor dem Nürnberger Ärzteprozess. Henripierre, ein Mitarbeiter von August Hirt am Anatomischen Institut der Reichsuniversität Straßburg, hatte im August 1943 die vom KZ Natzweiler-Struthof gebrachten 86 Leichen entgegengenommen. An deren Unterarmen waren ihm merkwürdige Zahlen aufgefallen, die er daraufhin nicht nur ins Leichenbuch des Instituts eintrug, sondern auch noch heimlich auf einen Zettel notierte, den er in der Wohnung seiner Lebensgefährtin versteckte.
Probleme bereiteten nun die französischen Archivgesetze. Ein beim französischen Verteidigungsministerium eingereichter Antrag auf Verkürzung der Sperrfrist auf Dokumente der Militärjustiz wurde abgelehnt – trotz  Empfehlungen durch die deutsche Justizministerin Herta Däubler-Gmelin und den französischen Holocaust-Forscher Serge Klarsfeld, den ich eigens in Paris besuchte.

 

1996 – 1998

 

Die Täterseite des Forschungsprojekts über die „Ahnenerbe“-Morde an den 86 Juden ist vorläufig abgeschlossen. Dazu erscheinen zwei Aufsätze: Einer in der Wochenendbeilage der „Frankfurter Allgemeinen Zeitung“ vom 21. März 1998 („Nicht alles ging nach Plan. Der SS-Anatom August Hirt: sein mörderisches Wirken, sein Verschwinden und sein Verbleib.“) und ein weiterer in der Regionalgeschichtszeitschrift „Land zwischen Hochrhein und Südschwarzwald“ (Titel: „Grab Nr. 27, Grafenhausen, August Hirt. Über die Verbrechen und das Lebensende eines weltweit gesuchten Anatatomieprofessors.“)  

 

1994 – 1995

 

Recherchen in den Bundesarchiven Bern und Berlin sowie im Hauptstaatsarchiv Wiesbaden, im Generallandesarchiv Karlsruhe und im Staatsarchiv Nürnberg. Ein Zwischenergebnis als Sonderseite im „Schwäbischen Tagblatt“ vom 8. Juli 1995: „Alle Welt suchte den Anatomie-Professor. Wie sich der SS-Mediziner August Hirt hier und anderswo der Verantwortung entzog.“ Briefwechsel mit Renate Hirt, der Tochter des Anatomie-Professors. Korrespondenz mit Hermann Langbein, dem damaligen Sekretär des „Comité International des Camps“, über Forschungsprobleme. Am 14. Januar 1995 war Hermann Langbein der erste, dem ich meinen Entschluss mitteilte. „neben meinen Forschungen noch (so weit es geht) die Lebensschicksale dieser 86 Leute aufzuklären“.

 

1993

 

Vergebliche Versuche, überregionale Tageszeitungen für einen Beitrag zum Jahrestag zu erinnern: Im August waren es 50 Jahre her, dass die 86 jüdischen Frauen und Männer ermordet wurden. Zum passenden Datum war man in der „Zeit“ bereits eingedeckt und zwei Wochen hintereinander war des Bösen zu viel. Der damals zuständige Redakteur für die „Zeitläufte“-Rubrik: „Zweimal NS-Verbrechen nacheinander – da vergraule ich die Leser. Wie jede Medizin, darf man auch die immer – oder jetzt erst recht – nötigen Aufklärungsstücke nur in kleinen Dosen verabreichen.“

 

1992

 

Recherchen im Schweizerischen Bundesarchiv in Bern und im Deutschen Bundesarchiv in Berlin, dem Landesarchiv Ludwigsburg und in August Hirts letztem Aufenthaltsort Schönenbach im Schwarzwald. In keinen der damals gängigen Monographien über den Nationalsozialismus ließ sich etwas über die Todesumstände und den Todesort von August Hirt erfahren, auch nichts darüber, wo sich sein Grab befindet. Hier Klarheit zu finden, war das Ziel der Recherchen.

 

1984/1985

 

Die anhaltende Diskussion um die Tübinger Anthropologin Sophie Ehrhardt führte zu eigenen Forschungen und Veröffentlichungen über die Geschichte des Fachs. Dabei wurde ich auf den Anatomie-Professor August aufmerksam. Hirt war 1944 kurz vor der Befreiung Straßburgs aus dem Elsass geflüchtet und hatte in Tübingen eine Bleibe gefunden, wohin auch die Reichsuniversität Straßburg verlagert worden war. Aus der archivalischen Aufarbeitung dieses Themas entsprang der erste Aufsatz zu einem beginnenden Lebensthema: „SS-Wissenschaftler ließen 86 KZ-Häftlinge ermorden: Für den Aufbau einer Skelettsammlung. Dunkle Querverbindungen zum ,Tübinger Anatomenlager‘“. Sonderseite im „Schwäbischen Tagblatt“ vom 21. Dezember 1985.

 

1981

 

23. September

 

Teilnahme als Journalist an der 17. Tagung der Deutschen Gesellschaft für Anthropologie und Humangenetik in Göttingen. Dort waren die aus dem In- und Ausland angereisten Wissenschaftler mit dem nationalsozialistischen Erbe der Anthropologie konfrontiert worden. Forderungen standen im Raum, die Tübinger Anthropologin Prof. Sophie Ehrhardt aus der Gesellschaft auszuschließen. Ehrhardt war in der Zeit des Nationalsozialismus in verschiedenen Positionen als Rassenforscherin aktiv, unter anderem 1939 bis 1942 als wissenschaftliche Mitarbeiterin der Rassenhygienischen und Bevölkerungsbiologischen Forschungsstelle des Reichsgesundheitsamtes in Berlin. Dass sie 1980 mit alten Akten dieser Behörde, die sie teils selbst erstellt hatte, im Tübinger Universitätsarchiv forschte, hatte eine Gruppe von Sinti zu einem spektakulären Sit-in veranlasst. Ihre Forderung, die betreffenden Akten sofort ans Bundesarchiv Koblenz zu geben, hatte Erfolg. Die Aktion bewirkte, dass vielerorts über Rassenforschung und das Schicksal deutscher Sinti und Roma diskutiert wurde. Einer ersten Sonderseite über Geschichte und Gegenwart der Anthropologie am 3. Oktober 1981 im „Schwäbischen Tagblatt“ folgte eine intensivere Beschäftigung mit diesem Thema.

 

2. – 9. September

 

Auf die erstmalige offizielle Einladung durch die Stadt Tübingen waren jüdische Emigranten in ihre alte Heimatstadt gekommen. Auf dem einwöchigen Besuchsprogramm standen ein städtischer Empfang mit dem Literaturwissenschaftler (und rückgekehrter Emigrant) Hans Mayer sowie Diskussionsveranstaltungen und Ausflüge in die nähere Umgebung. Als Journalist hatte ich viele Gelegenheiten, mit den aus Großbritannien, Israel, Portugal, Südafrika, USA angereisten Ex-Tübingern ins Gespräch zu kommen. Die emotional bewegenden und geistig anregenden Begegnungen gaben mir Anstoß, nicht nur die die Stadt Tübingen, sondern insgesamt die Geschichte des Nationalsozialismus auch aus der Perspektive der Opfer kennenlernen zu wollen.