Fritz Bauers letzter Fall? Anmerkungen zu einer Neuerscheinung.

 

Nicht alle neue Besen kehren gut

 

Julien Reitzenstein fegt durch die Geschichte der 86 Morde im KZ Natzweiler-Struthof

 

Im August 1943 hat eines der bizarrsten Verbrechens, das je im Namen der Wissenschaft begangen wurde, im KZ Natzweiler-Struthof 86 Menschen das Leben gekostet. Die überlieferten Quellen geben keine eindeutige Antwort auf die Frage nach dem Initiator. Nur Schlussfolgerungen sind möglich, darum gehen die Meinungen auseinander.

 

Im März 2018 erschien eine Studie des Historikers Julien Reitzenstein „Das SS-Ahnenerbe und die ,Straßburger Schädelsammlung‘ – Fritz Bauers letzter Fall.“ Sie will dieses Verbrechen noch besser ausleuchten als es bislang geschehen ist und „juristisch nachvollziehbar“ den „tatsächlichen Hergang der Ermordung von 86 Menschen“ darstellen. (S. 13) Angesichts der zahlreichen Rätsel, die den Fall noch immer umgeben, ist das an und für sich keine unnötiges Unterfangen.

 

Insbesondere gilt es zu fragen: Gab Professor August Hirt, der zu der Zeit an der deutschen Reichsuniversität Straßburg den Lehrstuhl für Anatomie innehatte, den einzig auslösenden Anstoß zu den Morden? Oder war er zwar nicht der Initiator, aber der skrupellose Mittäter aus optimierendem Eigeninteresse? Oder betätigte er sich lediglich als „dienstleistender Präparationspate“ (S. 454) eines ambitionierten Anthropologen, wie es Reitzenstein in seiner umfangreichen Studie nahelegt? Nur darum geht es in meinen folgenden Anmerkungen dazu.

 

Nach der Beweisführung Julien Reitzensteins, der sich mental in der Nachfolge des legendären Generalstaatsanwalts Fritz Bauer als neuer Chefankläger fühlt, erscheint der karriere-ambitionierte Bruno Beger als der Hauptverantwortliche für die Ermordung der 86 Jüdinnen und Juden. Aber nicht, weil er sich an der Erforschung einer angeblichen jüdischen Rasse beteiligen wollte. Denn wie hinlänglich bekannt, interessierte sich der promovierte Anthropologe und Mitarbeiter der SS-Wissenschaftsorganisation „Ahnenerbe“ seit einer Tibet-Expedition primär für die Herkunft der Arier, die er in Tibet verortete – quasi dem Atlantis der „nordischen Menschen“. Sie sollen sich dann, so die von ihm geglaubte Theorie, im Laufe der Geschichte in Richtung Mitteleuropa ausgebreitet haben. In groß angelegten Expeditionen des „Ahnenerbe“ wollte Beger anhand von anthropologischen Messungen die Wanderungsbewegungen an vermuteten typischen Merkmalen an Kopf und Schädel ausgewählter Sowjetbürger nachvollziehen. Solche Daten sollten nicht in harmlosen wissenschaftlichen Erhebungen gewonnen werden, vielmehr scheute sich die SS-Wissenschaftsorganisation auch nicht, wie eine im Herbst 1942 / Frühjahr 1943 geplante (aber nicht realisierte) Expedition („Sonderkommando K“) in den Kaukasus vor Augen führt, mit verbrecherischen Methoden zu den erhofften Ergebnissen zu gelangen.

 

Dasselbe galt für einen Plan der „Sicherstellung der Schädel von jüdisch-bolschewistischen Kommissaren zu wissenschaftlichen Forschungen in der Reichsuniversität Straßburg“. Auf dieser in der seit dem Nürnberger Ärzteprozess schon viel zitierten „Denkschrift“ war allerdings weder ein Datum angegeben noch ein Verfasser ausgewiesen. Sie lag einem Konvolut bei, das über August Hirts Forschungsinteressen Auskunft geben sollte und von SS-„Ahnenerbe“-Geschäftsführer Wolfram Sievers am 9. Februar 1942 als „vorläufiger Bericht“ an SS-Führer Heinrich Himmler weitergeleitet wurde, der Hirts Interessen besonders zu fördern gedachte. „Nahezu von allen Rassen und Völkern sind umfangreiche Schädelsammlungen vorhanden. Nur von den Juden stehen der Wissenschaft so wenig Schädel zur Verfügung, daß ihre Bearbeitung keine gesicherten Ergebnisse zuläßt“, beschreibt diese „Denkschrift“ das Motiv und die Ziele des Plans. Der Krieg im Osten, präzisiert sie dann mit Blick auf den am 22. Juni 1941 begonnenen Krieg gegen die Sowjetunion, biete jetzt Gelegenheit, „diesem Mangel abzuhelfen … indem wir ihre Schädel sichern“. Durch Morde.

 

Diese Schrift gilt als eines der Schlüsseldokumente, warum im Sommer 1943 in Auschwitz 86 Juden selektiert, im KZ Natzweiler-Struthof ermordet und zur Weiterverwendung an das Anatomische Institut der deutschen Reichsuniversität Straßburg gebracht wurden. Reitzenstein ist sich sicher, dass deren Verfasser nicht August Hirt ist, sondern Bruno Beger. Hirt habe in „pervertierter ,Kameradschaft‘“ (S. 428) zugestimmt, dass dieses Papier als sein Anliegen Himmler unterschoben wurde. Ja, Reitzenstein hält es nicht einmal für ausgeschlossen, dass Hirt im Februar 1942 gar keine Kenntnis von diesem Plan hatte. Eine gewiss eigentümliche Sicht auf den Anatomie-Professor, der in jenen Monaten zwar bei Giftgas-Experimenten an Ratten eine Lungenverletzung davongetragen und obendrein in seiner Arbeitskapazität überlastet war, aber in seiner Umgebung als durchsetzungsstark empfunden wurde.

 

Den Widerspruch von Begers eigenen Interessen und der in der „Denkschrift“ beschriebenen „Sicherstellung“ von Schädeln jüdischer Gefangener erklärt Reitzenstein damit, „dass der Begriff Jude bei diesem Verbrechen stets metonym oder synonym für asiatische Kriegsgefangene der Roten Armee verwendet wurde“. (S. 432)

 

Von der zweiten Septemberwoche 1942, als der Plan konkret zu werden schien, wurde das Vorhaben wegen einer Fleckfieber-Epidemie im KZ Auschwitz auf den Frühsommer 1943 verschoben. Ende April 1943 erhielt Sievers von Eichmann die Nachricht, dass jetzt in Auschwitz „besonders geeignetes Material vorhanden“ sei zur Verwirklichung der geplanten Sammlung. Darum, schließt Reitzenstein messerscharf, „darf angenommen werden, dass es sich um Inner- und Vorderasiaten handelte, die Adolf Eichmann für Beger unter den sowjetischen Kriegsgefangenen ermittelt hatte“. (S. 230) Auch Eichmann also ein Dienstleister von Bruno Beger? Obendrein ein höchst tölpelhafter, der keine Ahnung hatte von den tatsächlichen Vorgängen in Auschwitz?

 

Eines Fritz Bauers, auf den sich Reitzenstein mit seiner artifiziellen Beweisführung beruft, sind solche Behauptungen unwürdig. Denn Bauer wusste mit Sicherheit, dass zu dieser Zeit nur relativ wenige sowjetische Soldaten in Auschwitz, Hunderttausende aber an anderen Orten gefangen waren. Im Herbst 1941 hatte die SS im Stammlager Auschwitz links des Eingangstors neun Blöcke für ein russisches Kriegsgefangenenlager abgetrennt. Rund 10 000 Mann waren dort im Oktober 1941 eingewiesen worden. In den nächsten Monaten waren sie dafür eingesetzt worden, in Birkenau ein riesiges Vernichtungslager aufzubauen. Am 1. März 1942, dem Tag der Auflösung der Kriegsgefangenenabteilung im Stammlager, lebten nur noch 945 sowjetische Kriegsgefangene. Sie wurden nach Birkenau überstellt und zusammen mit anderen Häftlingen untergebracht. Gegen Ende 1942 zählte man in Auschwitz rund 150 sowjetische Kriegsgefangene. Und am 23. April 1943, also fünf Tage vor Eichmanns Kontakt mit Sievers, waren noch genau 145 sowjetische Kriegsgefangene in Auschwitz.

 

Als Bruno Beger am Morgen des 7. Juni 1943 in Auschwitz eintraf und bald danach mit seinem Auftrag begann, konnte er an Ort und Stelle nur feststellen, dass er ihn nicht erfüllen konnte – falls sein Auftrag lautete, Angehörige einer „asiatischen Rasse“ aufzuspüren. Also hat er sich, so die Schlussfolgerung Reitzensteins, spontan entschieden, statt Russen Juden zu selektieren. Warum? Julien Reitzenstein: „Nach all dem Aufwand bei den involvierten Stellen wäre ein Abbruch der Aktion zu diesem Zeitpunkt eine erneute Blamage für den aufstrebenden Nachwuchswissenschaftler Beger gewesen.“ (S. 446)

 

Damit ist klar gesagt, dass es faktisch überhaupt nicht möglich war, was sich Reitzenstein nach eigenem Gutdünken als „Auftrag Beger“ ausmalt. Tatsächlich hatte Beger nämlich einen klaren Auftrag bekommen, an dem er inhaltlich auch gar nicht deuteln konnte. Das hätte Reitzenstein in meinem Buch („Die Namen der Nummern. Wie es gelang, die 86 Opfer eines NS-Verbrechens zu identifizieren.“ Hamburg 2004) auf Seite 153 nachlesen können. Am 2. November 1942 hatte das „Ahnenerbe“ den „Aufrag Beger“ quasi auf den Dienstweg gebracht und den Auftrag darin konkret beschrieben. "Ahnenerbe"-Geschäftsführer Sievers übermittelte dem persönlichen Referenten Himmlers, dass »für bestimmte anthropologische Untersuchungen« nun »150 Skelette von Häftlingen bezw. Juden notwendig« seien, »die vom KL Auschwitz zur Verfügung gestellt werden sollen«. Dazu möge das Reichssicherheitsamt die nötige Anweisung geben. Rudolf Brandt wiederum leitete diesen Wunsch weiter an Adolf Eichmann. Ihn informierte er über eine Anordnung Himmlers, laut der Hirt »für seine Forschungen alles Notwendige zur Verfügung gestellt wird«. Im Auftrag Himmlers bitte er deshalb, »den Aufbau der geplanten Skelettsammlung zu ermöglichen«. Die Einzelheiten werde dann Sievers mit ihm regeln. Dem kann man noch bestärkend hinzufügen, wie Sievers am 5. September 1944 in einem Schreiben an Brandt im Nachgang den inneren Zusammenhang des Verbrechens rekapitulierte: "Gemäss Vorschlag vom 9. 2. 42 [ = sogenannte Schädel-"Denkschrift" – Lang] und dortiger Zustimmung vom 23. 2. 42 AR/493/37 [ = Reichsführung der SS – Lang] wurde durch SS-Sturmbannführer Professor Hirt die bisher fehlende Skelettsammlung angelegt. Infolge Umfang der damit verbundenen wissenschaftlichen Arbeit sind Skelettierungsarbeiten noch nicht abgeschlossen."

 

Reitzenstein freilich formt aus seinem Gedankenkonstrukt eine „Anklageschrift“, die er als eine verbessernde Überarbeitung jener dem Landgericht Frankfurt/Main am 8. Mai 1968 eingereichten Anklageschrift gegen Beger und andere ansieht, von der er ausweislich des Buchtitels („Fritz Bauers letzter Fall“) offenbar annimmt, Bauer habe sie selbst erarbeitet. Dessen verbindlicher Anteil daran bestand in seiner Unterschrift als Behördenleiter. Reitzenstein sagt selbst, was er jetzt speziell mit seiner Fortschreibung bezweckt: „Sie ist damit Ausgangspunkt eines fiktiven Verfahrens, das eine Superrevisionsinstanz mit der Neubeurteilung des Urteils befasst, welches das Schwurgericht Frankfurt am Main gegen Bruno Beger verhängt hatte. Die Leser besetzen in diesem Verfahren die Richterbank der Superrevisionsinstanz. Die Anklage wird ihre Fakten vorlegen und ist zuversichtlich, das Gericht bezüglich Tathergang und Schuld der Angeklagten überzeugen zu können.“ (Vorwort, S. IX) Julien Reitzenstein hätte sich eine Blamage durch seine Art von spekulativer Geschichtsschreibung ersparen sollen. Fritz Bauer, an dessen Ruf er sich wie ein Grabräuber bedient, hat solche Annäherungsversuche nicht verdient.

 

Hans-Joachim Lang, Tübingen im April 2018

 

 

Kleiner Nachtrag aus einer Rede, die Oberstaatsanwalt a.D. Johannes Warlo am 17. Mai 2017 anlässlich der Feierstunde zur Eröffnung des Fritz-Bauer-Saals im Landgericht Frankfurt am Main gehalten hat: "(...) Als Staatsanwalt Joachim Kügler, einer der drei Sitzungsvertreter im Auschwitz-Verfahren und zuständiger Sachbearbeiter für die Aufarbeitung der noch offenen Ermittlungen dieses Verfahrens, bald nach Ende der Hauptverhandlung aus dem Justizdienst ausschied, blieb ein Anhängsel dieses Prozesses unerledigt: der Fall der Skelettsammlung des Prof. August Hirt in Straßburg. (...) Bauer bat mich, mich der Sache anzunehmen, die entsprechenden Akten zusammenzustellen und eine Anklage anzufertigen, die dann über die entsprechende landgerichtliche Staatsanwaltschaft dem Landgericht Frankfurt zugestellt wurde."

Nachzulesen in Einsicht 18, Bulletin des Fritz Bauer Instituts, Frankfurt am Main, Herbst 2017, S. 59.